Aktuelle Pressemeldungen

Dr. Marcus: "Der Fussball darf stolz auf 30 Jahre Mexico-Hilfe sein"

Rudi Völler spendete als erster, Lothar Matthäus und Oliver Bierhoff gehören genauso zum aktiven Spenderkreis wie auch immer wieder Nationalspieler der WM 1986. Egidius Brauns "Mexico-Hilfe" ist eine große kollektive Anstrengung des deutschen Fußballs. Sie kämpft seit 30 Jahren für Mexikos Kinder, indem in den ärmsten Stadtteilen von Mexico-City, Querétaro, Guadalajara, Puebla und Chiapas Bildungsprojekte gefördert werden. Seit 20 Jahren kooperieren die DFB-Stiftung und das Kindermissionswerk "Die Sternsinger". Für jeden Euro des Fußballs spendet das KMW ebenfalls einen Euro. Nach Abschluss der Inspektionsreise einer DFB-Delegation fragt DFB.de-Redakteur Thomas Hackbarth Sternsinger-Vorstand Dr. Franz Marcus, was drei Jahrzehnte "Mexico-Hilfe" bewegt haben.

 

Dr. Franz Marcus (v.) und DFB-Präsident Grindel (gebeugt): Besuch einer Mülldeponie

DFB.de: Herr Dr. Marcus, die Sternsinger sind Deutschlands erfolgreichste Spendensammler. 330.000 Sternsinger und nahezu 100.000 erwachsene Begleiter rufen alljährlich zur Hilfe auf. Keiner klappert besser. 45 Millionen Euro kamen 2015 zusammen. Für internationale Hilfsprojekte bräuchten sie also nicht wirklich den Fußball. Was macht die Zusammenarbeit mit der DFB-Stiftung Egidius Braun dennoch so attraktiv, dass der Fußballverband und das Hilfswerk der katholischen Kirche nun schon seit 20 Jahren bei der "Mexico-Hilfe" zusammenarbeiten?

Dr. Franz Marcus: Zuerst muss man wissen, dass Egidius Braun, der heutige DFB-Ehrenpräsident, die "Mexico-Hilfe" ganz alleine ins Leben rief. Wir kamen erst später dazu. Die ältesten Sozialprojekte in Mexiko laufen seit 30 Jahren, DFB und Sternsinger kooperieren "erst" seit 20 Jahren. Prälat Arnold Poll und Egidius Braun schufen dieses Bündnis, eine geniale Idee. Beide Seiten profitieren bis heute. Die Partnerschaft mit dem DFB inspiriert unsere Sternsinger, Jungen wie Mädchen. Die allermeisten spielen doch selbst Fußball oder sind Fans. Und die Braun-Stiftung zieht ihren Nutzen daraus, dass wir in über 120 Ländern präsent sind. Die Sternsinger frieren beim Sammeln, die Fußballstars schwitzen auf dem Platz, und gemeinsam generieren wir beachtliche Beträge, um den Kindern Mexikos eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ich meine, wir passen ganz gut zusammen.

DFB.de: Kooperiert das Kindermissionswerk mit anderen Sportverbänden?

Franz Marcus: Nein, im Bereich des Sports ist die Partnerschaft mit dem DFB einmalig und so soll es auch bleiben.

DFB.de: Sie haben vergangene Woche eine DFB-Delegation begleitet und fünf Projekte der "Mexico-Hilfe" in vier Tagen inspiziert. Wie zufrieden sind Sie?

Dr. Marcus: Sehr zufrieden, übrigens ganz banal auch, weil organisatorisch alles reibungslos lief, das ist in einem Land wie Mexiko keine Selbstverständlichkeit. Zum Inhaltlichen - unsere gemeinsamen Projekte sind stark aufgestellt. Vor acht Jahren bei unserer letzten Inspektionsreise sah etwa die Lage in der "Casa de Cuna", dem Kinderhaus in Querétaro, eher durchwachsen aus. Jetzt werden die Kinder wieder fantastisch versorgt und von ausreichend Personal betreut. Die Müllkippe in Mexico-City kenne ich auch schon lange. Das haut einen immer wieder um, wie Leute auf dem Müll leben, vom Müll leben, sich teilweise vom Müll ernähren und am Ende selbst wie Müll behandelt werden. Der Hoffnungsschimmer: Die Eltern dort schicken ihre Kinder in die von uns geförderte Vorschule. Auch das ist ein wunderbares Projekt, das wir als Kindermissionswerk gemeinsam mit dem DFB betreiben. Gerade auch nach dieser Inspektionsreise sage ich: der deutsche Fußball darf stolz auf 30 Jahre "Mexico-Hilfe" sein.

DFB.de: Die Sternsinger und die DFB-Stiftung wollen also mehr als Geld an Hilfsprojekte in Mexiko überweisen?

Dr. Marcus: Die Sternsinger und die DFB-Stiftung Egidius Braun beteiligen sich aktiv an Zielsetzungen und der operativen Umsetzung vor Ort. Unsere gemeinsame Arbeit fußt auf strengen Kriterien. Für Qualität ist ausreichendes Personal unabdingbar. Die Risiken sind enorm, man denke an die Gefahren von Kindesmisshandlung oder Kindesmissbrauch. Personelle Unterbesetzung und fehlende Qualifikation sind ein gefährlicher Nährboden, dass Kinder geschlagen oder sexuell missbraucht werden. Dafür zu sorgen, dass dies soweit irgend möglich verhindert wird, ist unsere Verantwortung. Also besuchen und inspizieren wir die Projekte regelmäßig.

DFB.de: Neben dem ausreichenden Personalbestand, welche weiteren Kriterien gelten für ein Projekt der "Mexico-Hilfe".

Dr. Marcus: Unsere Hilfe darf kein Strohfeuer sein. Wir wollen Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleiten. Momentan unterstützen wir gemeinsam mit Oliver Bierhoff den Bau eines Berufsbildungszentrums in Mexico-City. "Empowerment" ist ein manchmal überstrapaziertes Schlagwort, aber darum geht es: Wir wollen, dass die Jugendlichen über ihr eigenes Tun unabhängig von unserer Hilfe werden. Und wir helfen den Ärmsten. Mit DFB-Präsident Reinhard Grindel und der DFB-Delegation haben wir eine geförderte Vorschule an einer Müllkippe in Mexiko-Stadt und später die Hauptschule "La Barranca" am äußersten Rand von Guadalajara besucht. Die Schule grenzt an eine Schlucht, dort lebt keiner mehr, die Region ist strukturschwach. Unsere Projekte sind dort angesiedelt, wo der Asphalt aufhört, wo es nur noch Schotterpisten gibt.

DFB.de: Dr. Marcus, bei den Projektbesuchen nehmen Sie sich immer Zeit, um mit den Kindern und Jugendlichen zu reden. Was sagen die Ihnen?

Dr. Marcus: Ein Beispiel - in Querétaro haben wir einen Abend mit Patenkindern veranstaltet, die vor 20 Jahren durch die "Mexico-Hilfe" Fördergelder erhielten. Das waren Jungen und Mädchen, deren Eltern sich etwa das Schulgeld nicht leisten konnten. Dank der "Mexico-Hilfe", konnten wir diesen Kindern einen Weg aufmachen. Im Gespräch mit den mittlerweile rund 30-jährigen Ex-Patenkindern an dem Abend erlebten wir, dass die damals gewährte Chance von ihnen selbst als Verpflichtung verstanden wird, wiederum anderen zu helfen.

DFB.de: Auf welchem Weg ist Mexiko?

Dr. Marcus: Die Entwicklung des Landes macht mir Sorgen. Die Gewalt und die Macht der "Narcos" ist besorgniserregend. Es entsteht eine Parallelgesellschaft. Ich fürchte, dass der Staat in einigen Gegenden die Kontrolle verloren hat.

 

Auch dabei: DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch (l.)

DFB.de: Die geförderten Kindergärten, Schulen und Berufsbildungszentren liegen in den ärmsten Stadtteilen. Beobachten Sie, dass sich der mexikanische Staat gerade hier zunehmend zurückzieht?

Dr. Marcus: Ja, das würde ich bestätigen. Wir haben eigentlich einen Grundsatz in unseren Projektrichtlinien, dass wir den Staat nicht aus seiner Verantwortung entlassen sollen. Bildung muss der Staat höher gewichten als es Mexiko derzeit praktiziert. Vor allem in einem so jungen Land wie Mexiko sind das unzureichende Anstrengungen. Wir dürfen es also dem Staat nicht zu leicht machen. Auf der anderen Seite können wir uns nicht einfach zurückziehen und Situationen an die Wand fahren lassen. Letztlich wären die Kinder die Leidtragenden, das können wir nicht zulassen. Wir haben einen Auftrag als Kirche, ich denke auch als Zivilgesellschaft und als Menschen.

DFB.de: Eine prägende Phase waren ihre Jahre in Peru. Worin bestand damals ihre Aufgabe?

Dr. Marcus: Seit 14 Jahren arbeite ich für das Kindermissionswerk, davor für Misereor, Missio und Adveniat. Davor habe ich, wie Sie sagen, sechs Jahre in einem Slumgebiet von Lima in Peru gelebt und gearbeitet, gemeinsam mit meiner Frau und für ein Jahr mit dem Priester Josef Sayer, der später Geschäftsführer von Misereor wurde und 2001 bis 2007 dem Rat für Nachhaltige Entwicklung angehörte. Meine Frau und ich sind länger geblieben und haben damals in Lima Sozialarbeit gemacht.

DFB.de: Wie sah die aus?

Dr. Marcus: Das Gebiet war eine Steinwüste am Rand der Millionenstadt Lima. Die maoistisch ausgerichtete Terrorbewegung "Leuchtender Pfad" wurde schnell stärker, auch aufgrund der Korruption und der Menschenrechtsverletzungen der peruanischen Regierung. Die Landbevölkerung geriet zunehmend zwischen die Fronten und flüchtete nach Lima, wo die Menschen Schilfmattenhütten und sonst nichts hatten, gar nichts. Es gab keine Schulen, keine Transportmöglichkeiten, keine Krankenhäuser, keine Verwaltung. Die meisten Menschen verdienten ihr weniges Geld als mobile Händler, kauften frühmorgens auf dem Großmarkt ein und verkauften die Waren dann an die Straße. In dieser Situation haben meine Frau und ich begonnen, gemeinsam mit den Peruanern Bildungs- und Gesundheitsstrukturen aufzubauen. Meine Frau bildete Krankenschwestern und Hebammen aus, weil es kein Krankenhaus gab und wir nachhaltig wirken wollten. Dann erhielten wir Morddrohungen von den Terroristen, weil wir versuchten den Jugendlichen eine Alternative zur Gewalt aufzuzeigen. Der "Leuchtende Pfad" wollte jedoch Kämpfer rekrutieren. Uns wurde gesagt, wenn ihr nicht verschwindet, wird Blut fließen, so dass wir irgendwann gehen mussten.

DFB.de: Sie sind für alle internationalen Projekte des Kindermissionswerks zuständig, insgesamt 2300 in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Wir sagen: Puh!

Dr. Marcus (lacht): Na ja, ich habe schon ein starkes Team hinter mir. Wie in den Projekten, sind wir auch in unserer Zentrale in Aachen personell gut aufgestellt.

DFB.de: Welche Stoßrichtung verfolgen die internationalen Projekte der Sternsinger?

Dr. Marcus: Fünfzig Prozent davon sind Bildungsprojekte, und zwar formale Bildung, etwa in privaten katholischen Schulen, und informelle Bildung, etwa in Form von Brückenschulen für Straßenkinder, damit die im besten Fall wieder in den normalen Bildungsweg zurückkehren können, und auch Berufsbildung. Projekte für Kinder mit einer Behinderung, Gesundheits- und Ernährungsprojekte gehören auch zum Spektrum unserer Hilfsleistung.

DFB.de: 30 Jahre "Mexico-Hilfe" sind vergangen. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Dr. Marcus: Natürlich hofft man, dass ein Land wie Mexiko in 30 Jahren sich selbst helfen kann, dass auch Kinder aus ärmeren Regionen gesund aufwachsen und eine faire Chance erhalten, und dass die Hilfe der Sternsinger irgendwann überflüssig wird. Aber ich denke, das wird ein frommer Wunsch bleiben.

DFB.de: Zum Abschluss eine eher persönliche Frage – DFB-Stiftungsgeschäftsführer Wolfgang Watzke wird in Augsburg sein letztes Benefizländerspiel organisieren. Im kommenden Frühjahr geht er in den Ruhestand. Wie war aus Sicht des Kindermissionswerkes die Zusammenarbeit?

Dr. Marcus: Ich bewundere Wolfgang, auch für sein ungeheures persönliches Engagement. 20 Jahre haben wir jetzt als Kindermissionswerk mit ihm zusammengearbeitet und es war eine sehr fruchtbare Zeit. Ich wünsche ihm alles Gute für seine Zukunft im Ruhestand. Der Dank des Kindermissionswerkes und aller Sternsinger ist ihm gewiss, denn er hat unserer Partnerschaft Leben eingehaucht und ihr Qualität gegeben. Wolfgang Watzkes Ansprache bei der Beerdigung des früheren KMW-Präsidenten Prälat Poll hat mich sehr beeindruckt, als er betonte, dass unser Wirken nicht durch konfessionelle Grenzen oder unterschiedliche Weltanschauungen begrenzt werden darf. Dass es um Humanismus und Menschenliebe geht.

 

Zum Wohle der Kinder: Die "Mexico-Hilfe"

12. Mai 16

Pater Braun und Madre Adela

30 Jahre Mexico-Hilfe: Rudi Völlers Spende brachte den Ball 1986 ins Rollen. Anlässlich des runden Geburtstages einer bemerkenswerten Hilfe besucht Reinhard Grindel mehrere Sozialprojekte in Mexiko. Nun also in der „Casa de Cuna“ - wo alles begann. DFB-Redakteur Thomas Hackbarth hat den DFB-Präsidenten dorthin begleitet.

 

Es tutet und dann steht die Leitung. Drei Jahrzehnte nach ihrem ersten Treffen sprechen sich Madre Adela und Egidius Braun wieder, vielleicht ein letztes Mal. Die 84-jährige katholische Ordensschwester presst das Iphone an ihr Ohr, eine halbe Welt entfernt spricht der 91-jährige DFB-Ehrenpräsident. „Es fühlt sich sehr gut an, nochmal ihre Stimme zu hören“, sagt sie.

 

DFB-Präsident Reinhard Grindel mit Madre Adela

Madre Adelas Herzlichkeit hatte ihn auch vor 30 Jahren erreicht. Aus 5.000 Mark wurden 5,5 Millionen Euro. Im WM-Sommer 1986 waren sich die beiden in der „Casa de Cuna“ begegnet, hier im Haus der Wiege. Die Großstadt Querétaro hatte Braun, damals noch nicht DFB-Präsident, gleichwohl als Schatzmeister und Delegationsleiter an strategisch wichtigen Positionen angelangt, als Teamquartier ausgesucht. Fest überzeugt und manchmal beseelt davon, dass der Fußball mit all seinen Möglichkeiten eine soziale Aufgabe habe, wollte Braun zumindest einigen Nationalspieler das arme Mexiko zeigen. „Pater Braun“ nannten ihn die Journalisten erst ironisch und später anerkennend.

 

Madre Adela erzählt: „Wir erfuhren von dem Besuch der deutschen Nationalmannschaft erst kurz davor, das lief alles sehr kurzfristig. Nicht dass ich aufgeregt gewesen wäre. Ich muss gestehen, Fußball interessiert mich bis heute nicht die Bohne. Signor Braun betrat also unser Waisenhaus und umarmte mich. Sprachlich gab es kaum Schnittstellen, wir Schwestern sprachen kein Deutsch, Signor Braun und die Spieler kein Spanisch. Emotional aber haben wir uns sofort verstanden.“

 

Zu Besuch in der Casa de Cuna

Madre Adela: "Der Besuch der Mannschaft war ein Segen!"

Später, als das Turnier begann, mogelte sich die deutsche Mannschaft durch die Gruppe. Dänemark wurde Gruppensieger, uns reichte ein 2:1 über Schottland fürs Achtelfinale gegen Marokko. Im Viertelfinale warf die DFB-Auswahl den Gastgeber nach Elfmeterschießen raus. Und ganz am Ende war es Maradonas Turnier. Doch an jenem Nachmittag in der „Casa de Cuna“ ging es nicht um Tore und Punkte, nicht um die Hand Gottes. Obwohl, Gottes Hand sei schon im Spiel gewesen, meint Madre Adela. „Der Besuch der Mannschaft war ein Segen“.

 

Madre Adela sitzt im Schatten eines Baumes. Mai ist der heißeste Monat in Mexiko. Der DFB-Präsident war heute zu Besuch, die Mädchen trugen schneeweiße Seidenkleider. Als Reinhard Grindel und die 14-köpfige Delegation eintrafen, winkten die Kinder mit Papierfähnchen. „Alemanha Ra Ra Ra“. Ein Festtag.  Ganz anders als vor 30 Jahren. Madre Adela erzählt: „Es war eine furchtbare Zeit, wir hatten praktisch nichts. Manche Kinder mussten auf dem Boden schlafen. Ich weiß noch, dass Rudi Völler einen Scheck über 5000 Mark unterschrieb. Wir standen in der Kapelle, und ich nahm den Scheck von Signor Völler und steckte ihn direkt unter den Sockel des Kreuzes. Ich dachte mir, da ist er sicher.“

 

Und so kam es. Dank Brauns „Feuereifer“, wie ein Zeitzeuge erzählt, konvertierten Spender von überall zur „Mexico-Hilfe“. Der 86er WM-Kader spendete sofort und stellte sich in den Dienst von Brauns guter Sache. Karl Rothmund hatte sechs Jahre lang die Geschäfte der DFB-Stiftung Egidius Braun geleitet, aber erst jetzt reiste er nach Mexiko. „Wir lasen die Berichte, schauten uns Fotos an. Wir wussten, dass es erfolgreich ist. Aber erst jetzt verstehe ich direkt, was hier passiert. Der deutsche Fußball kann stolz sein auf die Mexico-Hilfe“. Wie Rothmund sieht es auch Eugen Gehlenborg, im DFB-Präsidium für Sozialthemen verantwortlich, und geschäftsführender Vorsitzender der finanzstärksten DFB-Stiftung: „Das Vermächtnis von Egidius Braun ist bis heute so lebendig, das war mein Eindruck während unseres Empfangs hier in der Casa de Cuna. Mit den Sternsingern und hier in Querétaro mit den Ordensschwestern haben wir strategisch wie operativ starke Partner.“ Entscheidend war der Anfang. Madre Adela eroberte das Herz von Pater Braun – und sicherte so ein besseres Leben für tausende mexikanischer Kinder.

Braun: "Meine Kinder sorgen fortan für ihre Kinder"

Sie sitzt unter dem Baum, einige Kinder sind dazugekommen. Madre Adela erzählt: „Am Tag nach dem Besuch der Deutschen gingen wir mit Sandwiches und Tacos im Korb zum deutschen Quartier. Die Wachleute wollten uns nicht reinlassen. Frauen nicht erlaubt, sagten sie. Aber wir sind doch katholische Ordensschwestern und wollen uns nur für eine Spende bedanken. Doch es half nichts. Wir warteten, bis endlich Egidius Braun kam.“ Madre Adela sagt, Braun habe dann ihre Hand genommen. „Ab heute würden seine Kinder für meine Kinder sorgen. Ich verstand das damals nicht gleich, aber er meinte die deutschen Nationalspieler.“

 

Madre Adela (m.) und die Kinder der Casa de Cuna

5,5 Millionen Euro sind seitdem geflossen, weitere 1,21 Millionen Euro bereits bis 2020 budgetiert. Bundespräsident Johannes Rau eröffnete einst einen Neubau in der „Casa de Cuna“ und seit Braun schaute jeder DFB-Präsident vorbei. Acht Projekte in Mexico-City, Chiapas, Puebla, Guadalajara und eben Querétaro können mit Mitteln der Mexico-Hilfe betrieben werden. Immer zum Wohle der Kinder Mexikos. Die kleine Ordensschwester mit dem großen Herzen hat viel bewirkt. Das Telefongespräch ist fast beendet. Adios. Beide lachen nochmal.

 

Opens external link in new window DFB TV Beitrag

10. Februar 2016

Die Müllsammer von Chimalhuacán

30 Jahre Mexico-Hilfe: Rudi Völlers Spende brachte den Ball 1986 ins Rollen. Anlässlich des runden Geburtstages einer bemerkenswerten Hilfe besucht eine Stiftungsdelegation um DFB-Präsident Reinhard Grindel mehrere Sozialprojekte in Mexico. DFB-Redakteur Thomas Hackbarth ist mit dabei.

 

Wenn Sie lacht, hat sie dieses herzliche mexikanische Strahlen. Makellose weiße Zähne inmitten des braunen Gesichts. „Mystic Aquarium“ liest man auf ihrem Collegesweater, sie trägt Jeans mit ein wenig Strassbesatz. Als wir in Chimalhuacán ankommen, sagt sie: „Das ist unser Arbeitsplatz.“ Adriana ist eine kleine, zierliche 38 jährige mexikanische Frau, und man fragt sich, wie sie tagtäglich in diesem brüllenden Fleischwolf überlebt.

 

Chimalhuacán heißt das Stadtviertel hier im Nordwesten des 22-Millionen-Einwohner Molochs Mexico-City und hier liegt diese 300 Fußballfelder große Mülldeponie, auf der die Ärmsten unter der brennend heißen Maisonne im Dreck wühlen, voran stolpern auf einer dumpfen, freudlosen Suche nach Pappe, nach Weißblech, nach Metall, das sie dann für ein paar Pesos veräußern. Der Müll türmt sich, soweit das Auge reicht, riesige Vogelschwärme kreisen über Abfallhügeln und -tälern. Es stinkt tatsächlich nicht so sehr, wie man es befürchtet hatte, dafür brät einen die Sonne. Mai ist der heißeste Monat. Auch Kinder wühlen im Müll, viele Frauen. Wo sind die alten Männer?

 

Im Stadtviertel Chimalhuacán liegt eine 300 Fußballfelder große Mülldeponie

Reinhard Grindel: "Nur Qualifikation führt raus aus der Müllhalde"

"Wir fangen früh morgens an, um fünf Uhr, wenn es hell wird, und arbeiten manchmal bis zehn Uhr nachts. Wenn keine Mülllaster einfahren, haben wir Pause, dann können wir uns ausruhen", erzählt die Mutter von fünf Kindern. Gemeinsam mit ihrem Mann bringe sie es auf 100 Pesos am Tag, umgerechnet fünf Euro, erzählt sie. Acht sei sie gewesen, als sie hier anfing. "Die Hoffnung der Menschen ist, dass ihre Kinder den Job nicht mehr machen müssen." Für Adrianas Ältesten hat sich die Hoffnung erfüllt. An einer durch die ,Mexico-Hilfe' finanzierten Vorschule lernte er Lesen und Schreiben, später schaffte er seinen Abschluss und konnte sich irgendwann ein eigenes Taxi kaufen. Er wohnt jetzt in der Stadt.

 

Reinhard Grindel besucht Adriana und die Müllsammler von Chimalhuacán. Der DFB-Präsident will sich selbst ein Bild machen. In drei Tagen werden er und eine dreizehnköpfige Stiftungsdelegation sich fünf Sozialprojekte der Mexico-Hilfe anschauen. Am Donnerstagabend beginnt in Mexico City der Ordentliche FIFA-Kongress, doch jetzt gehört Grindels Zeit der ,Mexico-Hilfe'. Seit 1986 flossen 5,5 Millionen Euro, bis 2020 haben die DFB-Stiftung Egidius Braun und das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ jeweils weitere 605.000 Euro budgetiert. Er sagt: "Der Schlüssel zu allem ist Bildung. Nur Qualifikation führt aus der Müllhalde raus." Wie etwa für Adrianas Sohn.

  

In Chimalhuacán steckten die DFB-Stiftung Egidius Braun und das Kindermissionswerk die zur Verfügung stehenden Mittel in eine Vorschule

Jeder 5. Mexikaner muss mit $ 1,25 pro Tag auskommen

In Chimalhuacán steckten die DFB-Stiftung Egidius Braun und das Kindermissionswerk die zur Verfügung stehenden Mittel in eine Vorschule. Rund 90 Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren lernen hier Lesen, Schreiben und bekommen mittags eine warme Mahlzeit. Die Schulleiterin Rosalinde Trejo sagt, dass es ohne die Zuwendung des deutschen Fußballs schlicht keine Vorschule für die Kinder von der Müllkippe gäbe. Die Schule selbst ist spartanisch, sauber. Mehrere kleine Klassenräume, eine Bibliothek, ein Speiseraum, eine Dachterrasse, Wasser und Strom. Das ist schon viel in diesem Land, in dem laut Angaben der Weltbank jeder fünfte Einwohner den Tag mit weniger als 1,25 Dollar bestreiten muss. In dem man 1987 vier Stunden arbeiten musste für den Erwerb eines Warenkorbs. Heute sind es für den gleichen Warenkorb 23 Stunden.

 

Anlässlich des runden Geburtstages einer bemerkenswerten Hilfe besucht eine Stiftungsdelegation um DFB-Präsident Reinhard Grindel mehrere Sozialprojekte in Mexico

Fallende Ölpreise, Korruption und Drogen, der Mord an 43 Studenten, das Fernbleiben der Touristen, die ungeheuren Schulden der Ölgesellschaft Pemex - manchmal scheint es, das Land würde an seinen Problemen ersticken. Wie die Menschen im Müll. Adriana erzählt, sie und ihr Mann kennen kein Verfallsdatum. Wenn Nahrung noch verschlossen ist, wird sie gegessen. Auf der Kippe gibt es kein Wasser, also müssen sie täglich Wasser kaufen. Früher hätten sie 200 Pesos pro Tag verdient, doch heute sortierten die Männer auf den Müllautos viele Wertstoffe schon in der Stadt aus.

Am Ende des Besuchs in der Vorschule führen die mexikanischen Kinder einen ziemlich lustigen, ziemlich coolen Tanz vor. Sie sind stolz, so wichtige Gäste aus Deutschland in ihrer kleinen Schule zu haben. Der DFB-Präsident beantwortet die Fragen eines ARD-Teams: "Man darf nicht sagen, das Problem ist so groß, da haben wir doch keine Chance. Man muss anpacken. Und das tun wir nun schon seit 30 Jahren. Wir wirken nachhaltig." Zuversicht kann ansteckend sein.

Egidius Braun hat mit Leidenschaft für die Mexico-Hilfe gefochten, die Familie Briegel kofinanziert die Essenskosten der Vorschule, Oliver Bierhoff und seine Familie beteiligen sich jetzt am Bau einer Berufsschule. So viele Nationalspieler aus dem WM-Kader 1986 haben gespendet. Und doch. Als am Nachmittag die DFB-Delegation Chimalhuacán verlässt und Adriana immer kleiner wird im Rückspiegel, steht im Bus diese unausgesprochene Frage. Ist es genug?

 

Presse Kontakt

Tobias Wrzesinski

 

DFB-Stiftung Egidius Braun

Tobias Wrzesinski

Sövener Str. 50

53773 Hennef

Tel. 02242 - 918 85 0

Fax 02242 - 918 85 21

Mobil 0152 / 289 17 104

twr(at)egidius-braun.de