„Der DFB hat einfach geholfen“ – Die Geschichte von Carla Maria Prieto

Die Mexikanerin Carla Maria Prieto lebt in Paris zusammen mit ihrem italienischen Mann Paolo in einer schönen Drei-Zimmer-Wohnung. Sie spricht fließend Französisch und Deutsch, dazu Englisch, etwas Italienisch und ihre Muttersprache Spanisch. Eigentlich alles ganz normal, aber Carla Maria Prieto hat eine besondere Lebensgeschichte. Rainer Kalb über das ehemalige Patenkind der Mexico-Hilfe.

Für ihre Firma, die hochwertige Messestände und Werbeflächen entwirft, war die „Account-Managerin“ häufig in ganz Europa unterwegs. Derzeit muss sie ihr Pensum drosseln. Bald erwarten Carla Maria und Paolo ihr erstes Kind. Dass der Lebensweg der heute 32-Jährigen aus dem mexikanischen Querétaro in die Stadt an der Seine führte, ist eine Fußball-Geschichte. Eine ziemlich gute Fußball-Geschichte. „Der DFB hat geholfen, einfach so, ohne große Worte“, sagt Carla Maria Prieto. „Ohne die Stiftung, ohne Egidius Braun und ohne Wolfgang Watzke wäre ich heute nicht hier in Paris.“

Carla Maria zu Besuch bei Marianne und Egidius Braun

Und so fing alles an:

Ihre Mutter, eine Psychologin, 19 Jahre jung, als Carla zur Welt kam, wollte Karriere machen. Die Großmutter kümmerte sich um die kleine Carla. Bald heiratete ihre Mutter ein zweites Mal. Carla bekam Geschwister, zwei Brüder und eine Schwester. Das Geld reichte nun nicht mehr für den Besuch einer guten Schule, zumindest nicht für alle vier Kinder. Sechs Jahre alt war sie damals, es war die Zeit,als Egidius Braun, damals noch Schatzmeister des DFB, nach Mexiko reiste, ein Jahr vor der Weltmeisterschaft 1986.

Vom Gast zum Helfer

In Querétaro sollte die Nationalmannschaft Quartier beziehen, doch Braun dachte nicht nur an Trainingsplätze und Medienzentren. Braun sah das Elend vieler Mexikaner, der spätere DFB-Präsident fühlte die Verpflichtung zur Hilfe. „Mit Feuereifer“,so ein Begleiter von damals, trieb Braun seine Mission voran. „Es kann nicht sein, dass wir sechs Wochen Gäste in Querétaro sind und dann entschweben wie in einem Raumschiff“, sagte Braun. Laut Angaben der Weltbank lebt heute noch jeder fünfte Einwohner des Schwellenlandes in absoluter Armut und muss mit weniger als 1,25 Dollar Kaufkraft den Tag bestreiten. Mitte der 1980er Jahre war alles noch viel schlimmer.Weil Rudi Völler als Erster spendete, bald die Nationalspieler und dann viele andere dem guten Beispiel folgten, war plötzlich Geld da. Geld genug auch für Carla, die die Deutsche Schule, eigentlich ein Refugium der Privilegierten, besuchen durfte. Die frisch gegründete „Mexico-Hilfe“ ermöglichte eine menschenwürdige Unterbringung und Versorgung der Waisenkinder in der Casa de Cuna „Oasis del Niño“, später die Versorgung von Straßenkindern und den Bau eines einfachen Schulungszentrums für die Ärmsten. Für Carla Maria ging es nicht um so viel, für sie war es keine Frage von Leben oder Tod.

14 Kindern Schulbesuch ermöglicht

14 mexikanischen Kindern wurde dank der „Mexico-Hilfe“ der Schulbesuch ermöglicht. Bis heute hat Carla Maria ihre Schuluniform im Schrank hängen, auch wenn sie sagt: „Von den reichen Kindern wurden wir geschnitten. Wir gehörten nicht dazu.“ Sie machte dennoch die Mittlere Reife, besuchte Deutschkurse des Goethe-Instituts. Schließlich wurden die 14 Kinder nach und nach für einen Sommer nach Deutschland eingeladen, der deutsche Fußball stiftete die Flugtickets, organisierte den Aufenthalt. Carlas Großmutter plünderte das Ersparte, umgerechnet 50 Mark steckte sie der Enkelin zu, man weiß ja nie, bei so einer weiten Reise. „Es war so rührend“, sagt Carla Maria. Sie flog wieder in die Heimat, legte ihr Abitur ab und kehrte nach Deutschland zurück, diesmal als Au-pair-Mädchen. Die Gastfamilie behandelte sie nicht gut. Nach ein paar Wochen hielt sie es nicht mehr aus. Carla Maria wählte eine Telefonnummer von früher, sie suchte dort, wo sie schon einmal Hilfe gefunden hatte. Wolfgang Watzke, der als Jugendsekretär des Fußball-Verbandes Mittelrhein von Beginn an die Geschäftsleitung der Mexico-Hilfe übernommen hatte, und seine Frau Juliane nahmen Carla Maria auf. „Sie haben mir dann die Deutschkurse finanziert, die ich eigentlich im Rahmen meines Au-pair-Aufenthaltes hätte besuchen sollen. Juliane hat mir die Namen der Bäume und Früchte beigebracht.“ Zehn Monate blieb sie, dann studierte sie in Mexiko Industrie-Design, finanzierte sich die Universität, indem sie selbst Deutsch unterrichtete.

Eine „Erfolgsgeschichte“ im Kleinen

Sie wurde Globetrotter, arbeitete nach dem erfolgreichen Studium in Europa und Asien. „Mich trieb die Neugierde“, sagt sie – bis sie in Spanien Paolo kennenlernte, sie verliebte sich. „Lass uns zusammenziehen“, sagte Paolo. Sie zogen nach Paris, und im Sommer 2007 heirateten die beiden. Ein sechsjähriges mexikanisches Mädchen war sie gewesen, ihr Schulbesuch hatte auf der Kippe gestanden, dann ermöglichte ihr der deutsche Fußball zu studieren und ein ganz anderes Leben in Europa anzufangen. „The Power of Half“ heißt ein Buch, in dem der ehemalige Wall-Street-Journal-Journalist Kevin Salwen beschreibt, wie seine Familie in ein kleineres Haus umzog, um dann rund 600.000 Euro für mehrere Dut-zend Dörfer in Ghana zu spenden. Seine 14-jährige Tochter Hannah war auf die Idee gekommen, als sie an einer Ampelkreuzung in Atlanta einen Obdachlosen gesehen hatte. Hannah war sehr hartnäckig, nach einem Jahr verkauften die Salwens ihr großes Anwesen. Ein atemberaubender Schritt, den Carla Maria aufgrund der einmal erfahrenen Hilfe aus Deutschland gar nicht mehr so atemberaubend findet. „Ich werde teilen“, sagt sie. „Das verspreche ich dem DFB und Egidius Braun.“